Meine spezielle Beziehung zu Carl Jungs und Myers Briggs Persönlichkeitstheorien

Im Englischen gibt es eine Aussage ‚It is a peculiar thing‘, sowas wie ‚es ist eine eigenartige Sache‘, obwohl das Wort eigenartig nicht so gut passt wie ‚peculiar‘.

Was ich damit meine? Ich führe eine scheußlich-schöne Beziehung mit den kognitiven Funktionen von Carl Jung und dem Persönlichkeitsmodell von Myers Briggs.

Auf der einen Seite kann ich mich stundenlang in verschiedene Persönlichkeitstypen, Blogartikel und Bücher zum Thema vertiefen, immer weiter, immer tiefer mich einlesen. Bis ich teilweise den einen Baum vor lauter Bäumen nicht mehr sehe. Auf der anderen Seite möchte ich Menschen nicht in vier bis sechzehn Typen kategorisieren und stereotypisieren und verbiete mir mich damit auseinanderzusetzen, um dann ein paar Wochen später doch wieder meinen Geist in die Tiefen der Theorien und Überlegungen eintauchen zu lassen.

Carl Jungs Präferenzen & Persönlichkeitsmodell

Doch nun zuerst einmal, was ist das eigentlich für eine Theorie, was für ein Modell? 1921 beschrieb Carl Jung ein Modell von Persönlichkeitstypen. Basierend auf diesem Modell ist jemand entweder extrovertiert (E), also auf die Umwelt, die äußere Welt fokussiert, oder introvertiert(I), also auf sich selbst, das Innere fokussiert. Ebenfalls gibt es zwei Varianten, wie man Dinge in der Welt wahrnimmt – intuitiv (N) oder spürend (S). Spürend nimmt jemand die Welt direkt und über seine Sinne wahr, so wie sie ist, direkt und klar. Wenn man sie dagegen intuitiv wahrnimmt, achtet man eher auf verborgene Dinge, Muster und dem, was nicht direkt durch die eigenen Sinne wie Sehen und Schmecken erfahrbar ist. Ein drittes Dichotom ist die Art, wie wir Entscheidungen treffen. Tun wir dies ‚fühlend‘ (F) oder ‚denkend‘(T)? Beim Fühlen achten wir, wie das Wort schon besagt eher auf Gefühle von einem selbst und anderen, ist also gefühlsorientiert in der Entscheidungsfindung, wohingegen Menschen mit einer Präferenz für eine denkende Entscheidungsfindung dazu tendieren, sich auf Fakten, Daten und Modelle zu beziehen.

Dies sind Präferenzen, auf deren Basis wir mit uns und der Welt umgehen, wie wir in ihr interagieren. Wenn man die Extraversion und Introversion als Grundbasis nimmt, ergeben sich daraus acht sogenannte kognitive Funktionen. Diese sind:

Extrovertierte Intuition, Extrovertiertes Spüren, Extrovertiertes Fühlen, Extrovertiertes Denken

Introvertierte Intuition, Introvertiertes Spüren, Introvertiertes Fühlen, Introvertiertes Denken

Es sind also die gleichen Präferenzen wie oben genannt, nur dass sie jeweils nach innen oder außen gerichtet sind. Das heißt, eine Person, die mit hauptsächlich extrovertiertem Fühlen eine Entscheidung trifft, bezieht zuallererst die Gefühle der Personen in ihrem Umfeld, Stimmungen von anderen Personen mit ein. Sie achtet auf diese, diese beeinflussen ihre Entscheidung. Eine Person, die hauptsächlich mit introvertiertem Fühlen handelt, wird ganz genau auf die eigenen Gefühle achten, wenn sie eine Entscheidung trifft.

Diese Präferenzen geben, finde ich eine schöne Idee darüber, was uns wichtig ist, wo unser Fokus in der Entscheidungsfindung, in dem Wahrnehmen der Welt liegt, wo wir eher Stärken haben, wo wir an uns arbeiten können wenn gewünscht.

Persönlichkeitstypen

Nun kann man diese verschiedenen Dichotomien und Funktionen natürlich auch zusammenfügen zu verschiedenen Typen.

Wenn man das nur anhand der Dichotomien wie oben beschrieben macht und wie Jung es gemacht hat, würde man bei acht Typen landen: ENF, ENT, EST, ESF, INF, INT, IST, ISF. Diese Typen gehen nicht direkt auf die kognitiven Funktionen ein, sondern sagen schlicht, jemand ist z.B. ENF, also extrovertiert, intuitiv, fühlend. Und das wars. Macht man das ganze anhand der kognitiven Typen und geht davon aus (ich bin mir nicht ganz sicher, wer die Reihenfolgen genauso postuliert hat wie sie es im Modell tun), dann gibt es insgesamt 16 Typen und pro Typ eine eigene Reihenfolge von kognitiven Funktionen. Das hier alles aufzulisten, würde die Textlänge übermäßig strapazieren. Schaut also bitte in die weiterführenden Quellen.

Zusätzlich dazu haben Isabel und ihre Mutter Katherine Myers-Briggs auf Basis von Carl Jungs Arbeit ein weiteres Modell der 16 Typen entworfen. Dieses basiert auf den acht Typen, ENF, ENT, EST, ESF, INF, INT, IST, ISF, die sie aber um eine vierte Dichotomie erweitert haben – den Unterschied zwischen einer Person, die eher dazu tendiert Entscheidungen zu treffen und zum Abschluss zu kommen (J) versus einer Person, die es bevorzugt, erst zahlreiche Informationen wie möglich einzusammeln und Entscheidungen eher offen lässt (P). Daraus ergeben sich dann 16 Typen.

Mehrwerte der Persönlichkeitstypen

Daraus ergeben sich zwei heutzutage zumeist postulierte Modelle mit je 16 Typen, die sich auf der einen Seite auf die kognitiven Prozesse beziehen, auf der anderen Seite auf die jeweilige Präferenz hinsichtlich einer der Seiten der vier Dichotomien.

Das Internet wimmelt von Seiten, die sich mit beiden auseinandersetzen und beschreiben, wie jemand ist, wie jemand handelt, welche Stärken und Schwächen jemand hat, wie jemand eine Beziehung führt, wie jemand wachsen kann und so weiter. Basierend auf diesen 16 verschiedenen Typen.

Ich habe mir zahlreiche dieser Seiten durchgelesen. Und teilweise sind diese Seiten schon erstaunlich akkurat, um einem ein Bild davon zu geben, was einem wichtig ist, was man schätzt, welche Berufe gut zu einem passen könnten. Es hilft, sich damit auseinanderzusetzen, um eine Idee zu bekommen, was kann mir, mit meinen Präferenzen helfen, in bestimmten Situationen eine gute Entscheidung zu treffen. Es kann helfen zu verstehen, wieso manche Themen einem besonders schwer zu schaffen machen und wie man diese in den Griff bekommen kann oder wieso manche Tipps manchen Menschen gut zu helfen scheinen, einem selbst aber überhaupt nicht. Ich habe zum Beispiel herausgefunden, dass es Menschen gibt, für die es wie für mich völlig normal ist, wenn sie es als große Befriedigung ansehen, stundenlang alleine zuhause zu verbringen und einen Blogpost zu schreiben, während andere Menschen das als Strafe betrachten würden oder dass es manchmal hilfreich ist, nicht nur auf die Bedürfnisse anderer zu schauen, sondern sich bewusst Zeit für die Eigenen zu nehmen.

Probleme rund um die Persönlichkeitsmodelle

Doch auf der anderen Seite gibt es auch zahlreiche Aspekte dieser starken Typologisierung und Stereotypisierung, die ich als problematisch ansehe.  

Zuallererst ist es eine Typisierung. Es setzt voraus, dass wir einer dieser Typen sind und das unser Leben lang. Wir werden in eine Schublade gesteckt und postuliert, so denkst du, so handelst du, so bist du. Da werden dann teilweise fantastische Profile einzelner Typen dargestellt, wie wir in unserer besten Form sind, was für fantastische Rollen wir in der Gesellschaft übernehmen können, Künstler, Genies sein können. Erstens halte ich es für problematisch, Menschen als fix anzusehen und zu glauben, wir können uns nicht weiterentwickeln oder wachsen. Ebenfalls sollte man nicht daraus schließen, dass nur weil Menschen bestimmte Präferenzen haben wie sie mit der Welt interagieren, dass sie dadurch auch bestimmte Handlungen umsetzen und somit auf eine bestimmte Art handeln. Das sind zwei vollkommen unterschiedliche paar Schuhe. Da müsste man zahlreiche weitere Aspekte mit einbeziehen, wie Interessen, Ideen, Erfahrungen und Erlebnisse.

Ebenfalls postulieren diese Modelle relativ starre Formen, sei es das Entscheiden zwischen zwei gegensätzlichen Polen oder einer ganz spezifischen Reihenfolge von bestimmten kognitiven Funktionen. Dies schreit geradezu nach einer Vereinfachung, so wie es zumeist der Fall bei Modellen ist, Vereinfachungen der Welt, um diesen einen Sinn zu geben, und einen bestimmten Aspekt eines Größeren, Komplexeren zu beschreiben. Das heißt, auch hier sehen wir uns einer Vereinfachung gegenüber. Sodass diese Modelle mit Sicherheit ihre gewisse Berechtigung haben, allerdings auch mit Vorsicht zu genießen sind, denn sie geben einen Aspekt wieder, lassen aber wahnsinnig viele Aspekte von uns Menschen außen vor. Und wenn man bedenkt, dass wir alle einzigartig sind und auf der Welt circa 7.8 Milliarden Menschen wohnen, dann ist die Diskrepanz doch enorm. Sodass wir uns dies immer wieder bewusst machen sollten, wenn wir versuchen jemanden in ein Modell hineinzupressen.

Auch sollte man vorsichtig mit den Begrifflichkeiten umgehen. Die von mir hier genannten sind welche, manche nennen kognitive Funktionen unterschiedlich, wieder andere geben den einzelnen Typen bestimmte Namen. So ist es zum Beispiel absolut keine gute Idee, zu glauben, nur weil man in irgendeinem Text im Internet als fühlend bezeichnet wird, zu glauben, dass man nicht denken könnte, oder nicht in der Lage ist, auf Basis von Daten und Fakten zu entscheiden. Es sind Begrifflichkeiten, die sich jemand mal ausgedacht hat, man muss sich diesen nicht in dieser Genauigkeit beugen.

Genau dieses Beugen ist auch eine gefährliche Aktion hinsichtlich solcher Modelle. Wenn man einen Test macht im Internet oder sich Beschreibungen durchliest und denkt, ja so bin ich, das muss mein Typ sein, dann ist man zum Beispiel ein ENTJ Typ. Dort steht, dass diese Typen sehr direkt sein können, manchmal zu direkt und kalt und abwesend sein können, und als Kommandeure bezeichnet werden. Wenn man das liest, kann auf die Idee kommen zu sagen, aha, stimmt, so bin ich. Also konzentriere ich mich jetzt nur noch auf meine ‚Kommandeur‘ Eigenschaften, setze Menschen unter Druck, bin kalt und direkt, damit ich Ziele erreiche. Oder aber ich denke mir, da steht es ja schwarz auf weiß, ich scheine so zu sein, dann ist das wohl so. Dann bin ich wohl nicht dazu gemacht warm und herzlich zu sein. Heißt mit anderen Worten, man kann sich auf den Profilbeschreibungen ausruhen, man kann menschlich unwürdiges Verhalten damit begründen, dass man halt so ist, man kann sich klein machen und aufgeben, an sich zu arbeiten für die Person, die man sein möchte im Vergleich zu dem Profil, dass einem irgendein Test mitgibt.

Es gibt einige Seiten, die sich mit dem Wachstumspotential innerhalb eines Typus‘ auseinandersetzen, wie agiere ich, wenn ich ein Kind bin, wenn ich älter werde, wenn ich ‚reif‘ bin. Dies ist teilweise hilfreich, da es mit einbezieht, dass es sehr utopisch ist, herrliche Profile zu lesen und zu glauben, jeder würde in dieses herrliche Profil nun passen und all diese Eigenschaften verkörpern. Wenn man sich diese Entwicklungs-Beschreibungen anschaut, können sie teilweise sehr hilfreich sein, aber man sollte auch hier bedenken, wir werden durch so wahnsinnig viel geprägt, jeden Tag unseres Lebens, das dies nur einen Teil beschreiben kann.

Ich glaube, dies ist, wie wir diese Modelle betrachten sollten. Als Modelle. Tests zum eigenen Typen können richtig liegen, aber auch nicht. Sie können sich mit der Zeit ändern oder auch nicht. Sie bringen unterschiedliche Ergebnisse, je nachdem wer die Fragen entwirft, ob sie sich auf kognitive Typen oder das Modell von Myers Briggs beziehen. Und selbst, wenn ich mich einlese, Artikel lese, werde ich auf zahlreiche leicht unterschiedliche Arten der Beschreibungen, Handlungen, Präferenzen stoßen in der Art wie jemand selbst dem Modell versucht Sinn und Gültigkeit zu verleihen. Die Tatsache, dass sich sehr viele Menschen mit diesen Modellen auseinandersetzen, mit ihren einzigartigen Blicken auf die Welt, erklärt auch die Mannigfaltigkeit an Sichtweisen, verpackt im Grundmodell.

Zusammenfassung

Trotz all dieser Punkte, weshalb man die Tests und Modelle mit Vorsicht genießen sollte, kann es dennoch helfen, sich einer groben Typus-Richtung zuzuordnen, sei es weil man glaubt, man sei so oder weil man gerne so sein möchte, um sich dann anzuschauen, ob es zu diesem Typus bestimmte Hilfestellungs-Ideen gibt, die man selber als besonders hilfreich ansieht. Mit denen man wachsen kann, mit denen man sich manche Themen, manche Auseinandersetzungen mehr erschließen kann, oder auch einfach einen Ort findet, wo Menschen vor ähnlichen Themen und Herausforderungen standen und man versteht, ich kann soviel von anderen lernen, das hilft mir oder so unterschiedlich sind wir dann doch wieder nicht oder da ist jemand, der mir ein klein wenig ähnlich ist. Das kann auch beruhigend sein, besonders wenn man sich immer ein wenig als Außenseiter gefühlt hat.

Untenstehend findet ihr ein paar Ressourcen, die ich ganz gut finde, allerdings bedenkt, es gibt eine wahnsinnig große Fülle an Ressourcen und Tests. Bitte nehmt nicht alles für bare Münze und seid kritisch. Und beachtet, wir bleiben alle die einzigartigen Menschen, die wir sind.  

Quellen / Weiterführende Links