Unsere Bürde, jemand sein zu sollen

Immer wieder finde ich es verwunderlich, warum wir sein sollen. In der Arbeit sollen wir ein Teammitglied sein, freundlich sein, kollaborativ, immer erreichbar und fröhlich, oder auch hart arbeitend und formell, stark und dominant. Und dann sollen wir im Privatleben der starke Mann sein, der alle seine Dinge selbst geregelt bekommt, oder das Mädchen, dass doch besser den Mund hält, der Sohn, der bitte schnell heiratet oder die Tochter, die sich einen reifen, gut verdienenden Mann sucht, damit sie Sicherheit hat im Leben, damit sie ausgesorgt hat.  

Wieso nur sollen wir jemand sein? Können wir nicht auch einfach sein? Ohne muss, ohne sollen?

Ich glaube, diese Rollen, diese Erwartungen werden uns vielfältig zugemutet – von der frühesten Kindheit bis zum späten Leben, von Eltern, Lehrern, der Gesellschaft, Arbeitgebern und auch von einem selbst.

Man soll da reinpassen, so soll man sein. Aber was macht es mit uns? Wenn wir nur reinpassen sollen, aber nie einfach sein dürfen? Wir werden bildlich zum Handel freigegeben. Lasst mal alle schauen, was kann man aus Person X denn nun herausholen, was kann Person X mir bringen. So zerrt die Mutter den Sohn und sagt ihm, ‚bitte werde Arzt, da hast du so ein Talent‘, der Vater aber mahnt ‚mein Junge, nein, lieber werde Bauingenieur, da wirst du Stärke zeigen können, du bist schließlich ein Mann‘, und der Lehrer wird antworten ‚Ich glaube, du bist ein ausgezeichneter Schriftsteller, du schreibst tiefgreifende Texte‘. Und der junge Mann? Wem soll er glauben? Sagen die drei Menschen das, weil sie ihn, wie er ist, unterstützen wollen oder weil sie ein Bild von ihm im Kopf haben, ein Bild wie er sein soll. Ein Arzt, da er Talent zu haben scheint, auch wenn er es noch nicht praktiziert hat und die Mutter selber keine Ärztin ist. Und stark will er ja auch sein, also vielleicht doch Bauingenieur. So sieht er sich hin und hergerissen zwischen den Möglichkeiten. Und er spürt die Erwartungen. Die Erwartungen, ein starker Mann zu sein, sein scheinbares Talent zu nutzen. Aber hat er sich dabei auch gefragt, was er möchte? Kann er diese Entscheidung frei treffen? Oder ist er eingebunden in ein Geflecht aus Menschen, die ihm ihre Erwartungen eines erfolgreichen Mannes aufbürden wollen?

Auch das Thema des richtigen Mannes, der richtigen Frau, die man doch bitte zu heiraten habe, ist ein beliebtes Thema. Da werden Menschen, die nicht ins Raster passen, die der Tochter oder dem Sohn scheinbar nicht guttun, als nicht wertig angesehen. Oder die Rollen, die wir als Mann und Frau tragen und verkörpern sollen. Ein Mann sollte bitte immer stark sein, beschützend, Stärke zeigen, eine Frau doch eher sich zurückhalten, andere vorlassen, freundlich sein.

Diese Erwartungen machen was mit uns. Sie erwarten, dass wir jemand sind, dass wir jemand sein sollen, der wir einfach nicht sind. Meistens ist das leider so. Hinweise, Ratschläge geben ist vollkommen in Ordnung, klar, doch Erwartungen an andere richten, führt nur dazu, dass unser innerstes Selbst sich nicht mehr so entwickeln darf wie es ihm am besten tun würde. Es wird angepasst, unterdrückt, modifiziert. Und das meistens unter dem Deckmantel, dass dies doch nur gut sei für das Kind, dass das wichtig ist für eine funktionierende Gesellschaft, für ein gut geöltes Getriebe in Firmen. Dann sind wir da, wo wir einen Mehrwert leisten, wo wir den Platz in der Gesellschaft eingenommen haben, wo wir arbeiten können, einen Beitrag leisten können, wo wir unsere Rolle haben.

 

Aber was macht das mit uns? Wenn wir ständig im Widerspruch zu uns leben? Wenn wir uns nicht ausleben dürfen?

Ich habe es gesehen, es gibt verschiedene Formen des damit Umgehens. Die einen tun, was von ihnen verlangt wird, merken etwas stimmt nicht, sie geben aber dennoch klein bei und folgen. Die nächsten fügen sich, glauben, das ist, das muss das richtige Bild sein. Und die dritten rebellieren und folgen vollkommen anderen Lebenswegen, wo man sich schon wieder fragen kann, ob das ihre Wege sind oder das Wegrennen einer zu hohen Erwartungshaltung.  

In allen drei Fällen kann es gut gehen, man kann sich schon irgendwie arrangieren, es so akzeptieren. Einfach die Rolle spielen, die doch sicher die richtige ist. Einfach die Erwartungen annehmen und für den Erwartungsgeber diese erfüllen. Dann wird man doch sicher glücklich? Dann wird das doch die Bedürfnisse erfüllen, wenn man nur lange genug dafür kämpft. Für den oder diejenige, die ich sein soll. Die oder der mir mitgegeben wurde. Die Rollen, die ich zu tragen und schultern habe. Die mich zu einem guten Mann, einem starken Mann, einer starken Frau, einer wertvollen Mutter machen.

Doch in den allermeisten Fällen geht das nicht gut aus. Dann spielt zwar jeder seine Rollen, die er bekommen hat. Doch er spielt sie, er verfolgt sie für eines anderen Ziels. Es passt nicht zu seinem eigentlichen Wesen, zu dem, wie und wer er ist. Wie er fühlt, wie er sieht, hört und wahrnimmt. Und das kann man lange Zeit einfach ignorieren. Und sich einreden – Arbeit muss anstrengend sein, es reicht, wenn meine Ehe zweckmäßig ist, ich darf nicht willentlich sein, das gehört nicht zu meiner Rolle in der Gesellschaft. Und das Einreden, das funktioniert häufig ganz gut. Wäre da nicht dieses nagende Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt, das irgendetwas nicht stimmig ist. Dieses Gefühl, dass meist irgendwann ausbricht. Tage, Wochen, Monate, Jahre später. Das man dieser Rolle nicht mehr gerecht werden kann. Das es zu viel wird. Das man so nicht sein kann. Und dann stößt man an Grenzen. An große Grenzen.

Denn was passiert, wenn man das plötzlich merkt, Jahre später? Wo steht man im Leben? Wieviel hat man schon aufgebaut? Wieviel ist da schon entstanden? Kann man da einfach nein sagen? Kann man sich da einfach zurückziehen? Können kann man, doch dies wird nicht unbedingt gewürdigt. Denn die Erwartungen werden sagen, es scheint doch alles zu funktionieren. Du hast ein großes Auto, Haus, und großartige Kinder. Oder du hast einen fantastischen Job, bist ein anerkannter Doktor. Du hast Freunde, die dich toll finden, weil du das hast. Die das auch schätzen. Wenn du da nun eine Diskrepanz wahrnimmst. Was machst du? Wenn du gar nicht weißt, wo du anfangen sollst. Wenn du gar nicht weißt, wieso dieses Gefühl plötzlich da ist? Dann regst du dich wahrscheinlich auf. Lenkst deine Unzufriedenheit auf andere Menschen in deiner Umgebung, auf Dinge, auf die Gesellschaft. Dann sind alle unfreundlich. Oder du fällst in eine Depression, dann bist du nur noch damit beschäftigt, an dir selbst Probleme zu finden. Oder du wirst besonders aktionsgeladen und stürzt dich noch mehr in die Arbeit, in Hobbies, um dieses ungute Gefühl zu übertünchen. Um es wegzuagieren. Oder du rationalisierst es weg. Alles Strategien, die zu einem gewissen Grad funktionieren können, und leider Strategien, aus denen viele Menschen keinen Weg herausfinden. Sie verharren. Und irgendwann geben sie auf, dem nagenden Gefühl irgendeine Bedeutung zu schenken.

Das ist tragisch. Denn dann leben wir nicht nur Jemandes anderer Erwartungen, sondern agieren zusätzlich noch auf Basis der negativen Folgen des Ganzen. Wir werden krank, bringen unseren Frust in die Beziehung mit unseren Kindern mit ein, möchten, dass unsere Kinder unsere Erwartungen erfüllen und behandeln unsere Mitmenschen mit Aggression, Manipulation und beurteilend. Und laufen geradewegs an uns vorbei.

Doch was können wir tun, um uns aus dieser Starre, dieser Unfähigkeit wieder herauszuholen? Wie können wir mehr zu uns finden?

Um das Problem an der Wurzel zu packen, ist es notwendig, einen Paradigmenwechsel, einen Gesellschaftswandel hinzubekommen. Indem wir den einzelnen Menschen als einzigartigen Menschen in den Vordergrund stellen. Dem es erlaubt wird, sich so zu entwickeln, wie es ihm guttut, der die Ressourcen an die Hand bekommt, dies zu tun, und der Methoden an die Hand bekommt, sich selbst kennenzulernen und sich vor Erwartungen anderer abzugrenzen. Der in Selbstkenntnis und Selbstwahrnehmung geschult wird.

Um sich seiner selbst bewusster zu werden, ist es notwendig, Menschen den Raum zu geben, in dem sie das tun dürfen. Einen Raum, indem sie sich öffnen, ausprobieren können. Wo sie niemand ob ihrer selbst verurteilt. Und Zeit, Zeit für sich selbst ist wichtig. Sich die Zeit nehmen, sich selbst zu erforschen, die eigenen Vorlieben und Interessen, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Und die Muße, sich beobachten zu dürfen. Wann sage ich etwas und meine es auch so, wann sage ich etwas und handele aber ganz anders und wann sage ich nichts und handele dennoch? Sich also Zeit für sich selbst nehmen. und seien es auch nur fünf Minuten jeden Tag. Fünf Minuten, die man nur für sich hat und bei sich sein kann. Bei einem Spaziergang, mit geschlossenen Augen in der Bahn, oder kurz vorm Schlafengehen. Und mit der Zeit merkt man besser, ob man gerade aus dem heraushandelt, der man sein soll oder aus dem, der man ist und sein will.

Ich habe diese Schritte bereits durchlaufen, beziehungsweise durchlaufe sie immer wieder, mit verschiedenen Themen. Sich selbst bewusstwerden, in sich kehren, das sind wundervolle Methoden, um mehr zu sich zu kommen. Um den eigenen Freiheitsgrad wahrzunehmen, um zu begreifen, so stehe ich zu mir, dort möchte ich hin.

Und das Ergebnis ist in jedem Fall lohnenswert. Denn man wird merken, ich ruhe mehr in mir, mich wirft nicht mehr soviel aus der Bahn. Denn ich kann bewusst entscheiden, ob ich eine Erwartung annehme oder nicht, ob sie zu mir passt, ob ich sie nehmen möchte. Oder ob ich sie gehen lasse. Ich brauche mich nicht über die Rollen anderer definieren. Ich habe meine eigenen Prinzipien. Sodass ich dieses nagende Gefühl entweder weiß ins Lot zu bringen oder es gar nicht mehr habe, denn ich bin ja schon im Einklang meiner selbst mit mir. Ich sorge dafür, dass ich nicht jemand sein soll, sondern dass ich ich bin.

Dieser Weg wird nicht immer leicht sein, und er hört auch nie auf. Denn es gibt genug Menschen, die es lieber sehen, wenn alles so bleibt wie es ist, wenn das System der geordneten Rollen nicht aus den Fugen gerät. Auch weil sie sich dann mit sich selbst beschäftigen müssten, anstatt die Schuld ihrer eigenen Unmündigkeit auf andere abwälzen zu können. Aber er lohnt sich. Und wird reich beschenkt. Mit dem untrüglichen Bewusstsein, ich kann für mich selbst fühlen, denken und handeln, Ich spiele nicht eine Rolle, die aus den Erwartungen Anderer gespeist ist, sondern ich folge meinem eigenen Weg und bin einfach ich.