Die Kunst des Liebens von Erich Fromm und wie wir Liebe fördern können

Vor ein paar Jahren habe ich zum ersten Mal das Buch ‚die Kunst des Liebens‘ gelesen. Es hat mir die Augen weit geöffnet und mir damals klargemacht, dass Liebe nicht etwas ist, worauf man einfach nur hofft und dann ist sie plötzlich da, sondern wahre Liebe nur entstehen kann, wenn man sich selbst dafür entscheidet zu lieben.

So hatte ich häufigere Diskussionen mit Freundinnen über die Enttäuschungen, wieso Mann X oder Y sich denn nun nicht mehr meldet, wieso es so schwierig zu sein scheint, den perfekten Mann zu finden, die gewünschte Ehe zu schließen und Kinder zu kriegen oder den Mann zu finden, der nicht nur ein schnelles Auto fährt und viel Geld hat, gebildet ist, einen guten Titel trägt, zielorientiert ist und gleichzeitig herzlich, dominant und gleichzeitig zahm, der Beschützer und gleichzeitig der Freund, bei dem man sich ausweinen kann. Also jemand, den es wahrscheinlich gar nicht mal gibt, so hehr waren die Vorstellungen.

Sonderlicher Weise spielte die Art, wie jemand war, die Momente des Zusammenseins eine untergeordnete Rolle. Das wie man miteinander umging schien in den Hintergrund gerückt, stattdessen war das was und wann viel wichtiger. Denn man wollte sich ja zeigen können mit dem neuen Herrn, ihn wie einen Hund ausführen und vorstellen können, man wollte schnell heiraten, damit die Liebe besiegelt sei, man wollte schnell Kinder machen, weil man sich halt Kinder wünschte, und man wollte schnell eine Familie gründen, damit man Zeit für diese hat, während der Mann weiter ruhig viel Geld und ein schönes Haus mitbringen könne.

 

Doch was ist an dieser Sichtweise so schwierig?

Ich glaube, wir verlieren eine Kernessenz unseres menschlichen Wesens, wenn wir Liebe als etwas sehen, wodurch wir unsere eigenen Ziele besser erreichen können – sei es, dass wir durch einen anderen Menschen hoffen, in der Gesellschaft angesehener zu sein, dass wir nicht mehr so alleine sein möchten, dass wir irgendwo, irgendwie ankommen möchten, dass wir unsere beruflichen und privaten Ziele uns erhoffen durch die andere Person verwirklichen zu können, oder dass wir sogar auch hoffen, uns selber erhöhen zu können, indem wir jemand anderen stetig erniedrigen und das als Liebe darstellen.

Diese Sichtweise setzt voraus, dass wir uns nicht an der anderen Person erfreuen, dass es uns nicht um diese eine Person geht, die uns wichtig ist, sondern um irgendeine Person, Hauptsache sie erfüllt unsere Bedürfnisse.

Diese Art der Liebe zeigt, dass ich nicht glaube, dass ich meine Ziele, meine Wünsche selbst erreichen kann, dass ich für meine Bedürfnisse nicht selbst sorgen kann. Ich brauche jemanden, der mir dabei hilft. Ich brauche jemanden, der für mich meine Bedürfnisse befriedigt, der für mich meine Ziele erreicht, der mir Kraft und Halt gibt, der mich unterstützt und mich tröstet, der mir zeigt, wie ich das Leben lieben kann und der mir aufzeigt, was in mir steckt.

 

Aber ist das nicht genau das, was es sein sollte, sich gegenseitig unterstützen?

Ja, das stimmt, sich gegenseitig unterstützen und füreinander sorgen, das ist lieben. Allerdings ist der Grund, wieso ich es tue in der aufrichtigen Liebe ein anderer. Denn wenn ich wahrhaftig liebe, ist das Lieben eine ‚aktive Kraft‘, die aus mir heraus kommt, ich tue es nicht als Selbstzweck, sondern weil ich mir wünsche, einer anderen Person aus der Kraft meines innersten Selbst Liebe zu schenken, fürsorglich zu sein, sie zu achten, und anzuerkennen. So wie sie ist. In ihrer Individualität und Einzigartigkeit. Und ohne dabei meine eigene Individualität und Einzigartigkeit aufzugeben.

Damit das funktioniert, braucht es mehr als den Wunsch geliebt zu werden. Es braucht das aktive Tun des Liebens. Dies ist genauso, wie mit anderen Dingen im Leben. Wenn ich Schriftsteller werden möchte, dann kann ich mir das zwar wünschen, aber es wird erst möglich, wenn ich anfange zu schreiben. Wenn ich gerne Spanisch sprechen möchte, dann kann ich viel darüber nachsinnen, wie es wohl wäre, wenn ich mich mit den Menschen auf Spanisch unterhalten kann, aber um es faktisch zu tun, muss ich mich hinsetzen und die Sprache lernen. Oder wenn ich ein Haus bauen möchte. Dann muss ich mich damit auseinandersetzen, was mir wichtig ist an dem Haus. Wie soll es aussehen? Wie groß soll es sein? Wo soll es sein? Wie möchte ich es einrichten? Zu welchem Zweck möchte ich dieses Haus bauen?

 

Und wie macht man das nun, das aktive Lieben? Wie erlent man die ‘Kunst des Liebens’?

Erich Fromm schlägt vier Elemente vor, Elemente, die sich nicht nur auf das Lieben zwischen Mann und Frau beziehen, sondern auch auf zum Beispiel die Liebe zwischen Mutter und Kind oder für einen selbst. Diese sind ‚Fürsorge, Verantwortungsgefühl, Achtung und Erkenntnis‘. Also die ‚tätige Sorge‘ um das Wohl des anderen, sich verantwortlich fühlen für das Wohlbefinden des anderen, jemanden anzuerkennen und zu erkennen wie er ist.

Um diese vier Elemente umzusetzen, muss ich mich selbst erkennen können, ich muss mich selbst aushalten können, mit mir selbst sein können, mir selbst Fürsorge, Achtung und Erkenntnis geben können, mich selbst unterstützen können in meinem eigenen Wachstum. Denn wenn ich das nicht kann, dann kann ich das auch nicht mit anderen. Dann brauche ich die anderen als Ersatz, aber dann ist es nicht eine wahrhaftige Liebe, von der ich hier spreche. Denn wahre Liebe kommt von innen.

Um zu lieben bedarf es auch der ‚Ausübung einer Kunst‘, also dem täglichen aktiven Tun für die Kunst, die Liebe. Diese erfordert eine bewusste Entscheidung hin zur Liebe. Also ein bewusstes Ja sagen, eine Ausrichtung auf die Liebe. Erich Fromm nennt hier fünf Aspekte – Disziplin, Konzentration, Geduld, Wichtigkeit, und die praktische Übung. All das, was auch wichtig ist für jede andere Kunst, die man erlernen möchte. Was die Kunst der Liebe angeht, so ist es hier besonders wichtig, zuhören zu lernen ohne in Gedanken wo ganz anders zu sein, sich nahe zu sein ohne wegzulaufen, ein Gespür für die Bedürfnisse bei sich selbst und anderen zu entwickeln, den Kern der Ursache zu finden für ‚Wieso bin ich irritiert? Deprimiert? Verärgert? Traurig?‘ und auf die innere Stimme zu hören.

Um zu lieben bedarf es ebenfalls Mut und Glaube. Wieso? Weil es erstmal Angst machen kann, sich auf eine andere Person einzulassen. Woher weiß ich, wie sie denkt? Wie sie sich verhält? Kann ich ihr vertrauen? Und es ist auch ein Sprung ins Ungewisse, es birgt ein Risiko, denn wer weiß, ob die Liebe sich so entwickelt, wie ich mir das vorstelle? Mut und Glaube braucht es, um ein neues Projekt zu starten, für sich einzustehen, und eben auch, um für die Liebe einzustehen. Um sich auf das Abenteuer Liebe einzulassen, um aktiv tätig zu sein in der Kunst der Liebe, um zu wachsen und um Tiefsinnigkeit und Vertrauen herzustellen.

 

Und was lässt sich Nun über die Liebe sagen?

Was lässt sich also über die Liebe sagen? Sie ist universell. Sie ist stark. Häufig sagen wir, wenn die Liebe nicht hält, ‚er oder sie hat mich verlassen‘. Doch ist es nicht viel besser zu sagen ‚Er oder sie ist gegangen‘? Wieso? Weil jeder kann zu jedem Zeitpunkt einfach gehen. Und das ist die traurige Wahrheit, aber gleichzeitig ist sie auch befreiend, denn sie richtet sich daran aus, dass Menschen, wenn sie sich wahrhaftig lieben, sich einander dies jeden Tag bewusst machen, dass das Lieben eine freie, bewusste Entscheidung ist – entweder entscheide ich mich jemanden zu lieben oder ich entscheide mich dagegen. Klar, die liebende Kraft der Anziehung sollte auch da sein, um den anderen schmecken, riechen, sehen, umarmen zu können sowie ähnliche Ansichten und Sichtweisen auf das Leben zu haben. So müssen Geist und Herz gemeinsam wollen und sich gemeinsam einlassen. Deswegen ist wahre Liebe auch so stark – sie verbindet Menschen auf mehreren Ebenen, vollumfänglich, gesamt, sie lässt ineinander verschmelzen, sich verweben und stärkt Bande. Und sie zeigt Menschen, die sich jeden Tag von Neuem entschieden haben zu lieben. Fürsorglich zu sein, den anderen zu entdecken. Es ist wie ‚täglich grüßt das Murmeltier‘, jeden Tag von Neuem, aber jeden Tag verbindet man sich tiefer, stärker, reifer, verbundener. Mit jedem Tag festigt man die gemeinsame Liebe. Diese Liebe, die dann Grenzen überwinden, Tragik überbrücken und Schmerz ertragen kann. Diese Liebe, bei der jeder einzelne auch hoch im Alter die Hand des anderen gerne greift und sorgsam ist und sich an dem anderen erfreut. Und ein Lächeln auf dem Gesicht trägt, weil sie weiß, ‚You still make me smile‘.

Erich Fromm zeigt einige Punkte auf, die wir selbst aktiv tun können, um mehr zu lieben. Um achtsamer, bewusster mit unserer Liebe umzugehen. Und ich denke das ist das Schöne daran – die Liebe kommt nicht einfach oder ist da, sondern sie wächst durch unser eigenes Tun, durch unsere eigene Haltung, durch unser tagtägliches Geben, Pflegen und Hegen. Leicht und mit Genuss, nicht angestrengt oder erzwungen. Sodass wir wie mit jeder gut beherrschten Kunst die Früchte unserer aktiven Liebestätigkeit und Liebesfähigkeit ernten können und dürfen.

 

Quellen / Weiterführende Links

  • Buch: Die Kunst des Liebens von Erich Fromm, erschienen beim dtv Verlag