Unter der Tür schimmert Licht durch

Unter der Tür schimmert Licht durch. Ich liege in meinem Bett. Die Zimmertür ist offen, so wie jede Nacht. Ich fürchte mich vor der Dunkelheit. Davor, dass Schatten Gestalten annehmen. Davor, dass sich diese Gestalten dann in riesige gezackte Monster verwandeln. Davor, dass diese Monster Wirklichkeit werden und mich auffressen. Auch vor der Angst habe ich Angst. Deswegen möchte ich, dass das Licht im Flur an ist. Und auch, dass meine Zimmertür immer offen ist, wenn ich schlafe. Damit ich alles sehen kann, was sich da draußen so tut. Auch wenn sich normalerweise gar nichts tut. Da ist einfach nur die Flurwand. Vanilleweiß. Mit ein paar Kratzern und Flecken. Und der lange Gang. Der Gang, der geradewegs durch das Ankleidezimmer meiner Eltern in ihr Schlafzimmer führt. Doch das sehe ich nicht, denn ihre Tür ist meist angelehnt. Und das Licht ist aus. Auch die anderen Zimmer kann ich nicht sehen. Das Schlafzimmer und Badezimmer meiner Brüder, die Ecke mit dem Computer für die ganze Familie, und das Badezimmer meiner Eltern, das von dem Ankleidezimmer aus abzweigt. Ab und an kommt meine Mutter nach oben. Dann ziehe ich meine Decke etwas über mein Gesicht und blinzle durch meine Wimpern hindurch. Ich tue so, als würde ich schlafen, aber ich beobachte sie genau. Wie sie anmutig über den Flur schwebt mit ihrer langen, eleganten Figur. Wie sie ins Badezimmer oder Schlafzimmer verschwindet. Wie das Licht angeht. Und kurz danach wieder ausgeht. Und sie wieder über den Flur an meinem Zimmer vorbei nach unten läuft. Das passiert manchmal. Aber meist ist da nur dieser lange Gang und der Flur. Und meine Angst, einzuschlafen und vom großen, schwarzen Ungetüm aufgefressen zu werden. Sonst nichts.

Ich spüre es. Irgendetwas stimmt nicht. Das Licht schimmert unter der Tür durch. Und das, obwohl da nichts ist außer dem langen Gang und dem Flur. Meine Mutter war gerade in ihrem Bad und im Schlafzimmer gewesen. Sie hatte sich ihre schweren Ohrringe ausgezogen. Denn sie und mein Vater waren im Konzert gewesen und wahrscheinlich wollten sie jetzt noch etwas Zeit gemeinsam verbringen. Unten im Wohnzimmer. Wo sie sonst kaum Zeit dafür finden. Denn er, mein Vater, arbeitet immer so viel und ist kaum da. Sie ist die Treppen aber schon wieder nach unten gegangen. Es ist still. Ich höre kein Gelächter, keine Stimmen. Ich sehe nur den langen Gang und die Flurwand. Und die Tür am Ende des Ganges. Sie ist angelehnt, so wie immer. Aber unter der Tür schimmert Licht durch.

Ich ziehe mir die Decke über mein Gesicht. Und ich bringe meine Augen auf Halbmast. Ich merke, dass ich anfange zu zittern. Irgendetwas stimmt nicht, ich kann es spüren. Meine Gedanken fangen an zu kreisen. Wieso brennt da Licht? Ich habe doch gesehen, wie meine Mutter das Licht an und wieder ausgemacht hat. Wieso ist es dann wieder an? Ist da ein lebendiges, monströses Monster? Etwas, dass sich den Weg zu dem Zimmer meiner Eltern gebahnt hat? Dass gleich rauskommen und mich fressen wird? Ich spanne mich zusehends an. Sogar zum Aufstehen und zum zu meinen Eltern gehen bin ich zu gelähmt. Lieber bleibe ich liegen und warte ab, bis es vorbeigeht.

Doch es geht nicht vorbei. Nein, es wird alles nur noch schlimmer. Der Spalt mit dem Licht wird größer und größer. Die Tür öffnet sich. Ich bin starr vor Schreck. Ich zittere. Ich schließe meine Augen noch ein wenig mehr. Denn etwas Großes kommt durch die Tür auf mich zu. Aber es ist kein Monster. Nein, es ist viel realer. Es ist ein Mensch. Ein Mann. Groß in der Statur. Mit zotteligen langen Haaren und Händen tellergroß. Seine Augenbrauen sind buschig und seine Augen kalt. Ich bekomme es mit der Angst zu tun. Denn der Mann sieht nicht so aus wie in meinen Angst-Träumen. Er sieht nicht milchig aus und nicht krakelig. Nein, er wirkt sehr echt. Auch die Art, wie er sich bewegt, wirkt echt. Echt, angsteinflößend. Es sind nur ein paar Sekunden, in denen er sich mir nähert, aber für mich wirken sie wie ein ganzes Leben. Intensiv. Bedrohlich. Tiefgreifend.

Plötzlich verschwindet er ins Bad. Und auch ich erwache aus meiner Starre. Nichts wie weg hier. Ich denke nicht an meine Brüder, die nur ein Zimmer weiter in Ruhe schlafen. Ich denke nicht daran, dass der Mann ja ein Messer oder eine Pistole haben könnte. Und auch nicht daran, dass er mich sehen könnte, wenn ich ihm durch meine Zimmertür ein klein wenig entgegenlaufe, um dann die Treppe nach unten zu stürzen. Ich denke nur an das Monster, das irgendwie, unerklärlicherweise Realität geworden ist. An den Mann, der mir immer näherkommt, um mich am Ende aufzufressen. Ich habe Panik. Und in meiner Panik denke ich nicht, sondern rase die Treppe runter. Zu meinen Eltern.

‚Mama, Mama, da ist ein großer Mann. Der ist mir entgegengelaufen. Jetzt ist er in eurem Bad.‘ rufe ich ihnen entgegen. Sie glauben mir nicht. Sie kennen das, ich kam schon oft wegen den Monstern die Treppe runter. Da schrie ich auch, dass ich sie gesehen hätte. Krakelig. Überdimensioniert. Voll schwarzer, dunkler Kraft. Das ich nicht schlafen könnte. Aber Ich wiederhole es: ‚Mama, Mama, da ist ein großer bärtiger Mann. Er kommt mir entgegen. Bitte. Kommt. Schnell.‘. Jetzt glauben sie mir. Sie rennen mit mir die Treppen hoch. Über den vanilleweißen Flur und den langen Gang bis zum Schlafzimmer meiner Eltern. Das Licht ist an. Ich spüre es. Sie merken es auch. Irgendetwas stimmt nicht.

 

geschrieben im Rahmen eines Literaturwettbewerbs, Dez 2017