Eine kurze kritische Auseinandersetzung zu Idealisierung und Abwertung

Wenn ich mir so manche Nachricht oder Texte von Menschen durchlese, dann liest man immer mal wieder so Sätze wie: ‚Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen. Das waren die Anderen‘, ‚Meine Meinung ist auf jeden Fall richtiger als jede andere Meinung.‘, ‚Die Flüchtlinge, die andere Partei, die Schwarzen, die Frauen, die Männer, die tragen die Schuld für meine Misere, ich nicht.‘

Diese Sätze vermitteln das Bild, als wären die Autoren von bösen, falschen, gemeinen Menschen umgeben. Die ihnen ihr mühsam aufgebautes Leben strittig machen möchten. Die die Schuld an der Problematik des eigenen Lebens tragen. Also würden sie nur darauf warten, einem das eigene Leben schwer zu machen. Kampfbereit. In den Startlöchern. Und bis an die Zähne bewaffnet.

Und das Ziel scheint es zu sein, alles Mögliche zu tun, um sie abzuwehren, um sie in Schach zu halten. Sie zu beschimpfen, sie klein zu halten und sicherzustellen, dass sie ja nicht in das persönliche idealisierte Umfeld eindringen. Und sollten sie es einmal tun, dann müssen wir sie wie Unkraut bekämpfen. Sie wegdrücken. Denn sie waren es ja, die uns zerstören wollten oder auch zerstört haben.

Leider besteht hier ein essenzieller Denkfehler. Denn der hier beschriebene idealisierte Mensch hat sich kein einziges Mal mit sich selbst beschäftigt. Er macht immer nur die anderen, wer auch immer das sein mag, für sein Leid verantwortlich, ohne sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, ob nicht vielleicht auch er Teil des Problems ist. Ob nicht er durch seine Art des Handelns sich seiner eigenen gesunden Lebensgrundlage entzieht. Ob nicht er die anderen nur als Schutz vor seiner Selbst nutzt. Die anderen, auf die er all seinen Frust, seine Enttäuschung, seine Angst, seinen Liebesentzug abladen kann, damit er selbst sich damit nicht beschäftigen muss.

Und so hechtet er von Frustabwälzung zu Frustabwälzung, und von Eigen-Idealisierung zu Eigen-Idealisierung. Immer mit dem Ziel, das aufgebaute Gerüst nicht einstürzen zu lassen.

Denn was würde vom eigenen Leben am Ende bleiben, wenn dieser Mensch jegliche Form von Ablenkung von sich selbst aufgeben würde? Würde er dann überhaupt noch existieren? Würde er wissen, wer er ist? Könnte er sagen, ich bin ich und ich weiß, was mir wichtig ist, wofür ich im Leben einstehen möchte? Wenn sein Hauptaugenmerk darauf liegt, sich mit den scheinbaren Unzulänglichkeiten der anderen zu beschäftigen? Wie viel seines selbst hat er bereits aufgegeben, als er das Gerüst des idealisierten Ichs seiner selbst aufgebaut hat?

Es ist schade, wenn jemand sich nicht ernst genug nimmt, um sich selbst kritisch zu betrachten. Kritisch und gleichzeitig wohlwollend. Dann sollte man sich die Zeit nehmen, zu überlegen, wer man sein möchte, wie, und ob diese Haltung wirklich den gewünschten Erfolg hat. Erfolg für was? Und wozu? Und wenn man merkt, das ist kein zufriedenstellendes Leben, dann sollte man durch den Schmerz der Erkenntnis gehen, um gestärkt zu sich zu kommen und das eigene Leben in seelischem Wohlbefinden sowie ein menschliches Miteinander wieder voll und ganz zu leben.